Stunde Null

Was ist noch brauchbar?

Insel mit Stapel Trümmersteine, provisorischer Donausteg, 1947, StANU, Heimatmuseum
Geborgene Möbel, Ecke Donaustraße und An der kleinen Donau, 1945, StANU, Heimatmuseum
Abtransport von Möbeln, 4. März 1945. StANU, Sammlung Welte
Notdürftig abgestütztes Haus, das vermutlich als Steinbruch benutzt wurde, 1946/47, StANU, Heimatmuseum
Trümmersteine in zerstörter Friedens­kaserne, Ludwigstraße, 1947, StANU, Heimatmuseum
Gestapelte Ruinenziegel in der Donau­straße, 1945, StANU, Heimatmuseum
Ziegelsteine aus Trümmerschutt im LEW-Gebäude von 1954. 2020, StANU

Durch die verheerenden Luftangriffe waren rund zwei Drittel der Gebäudesubstanz und Verkehrswege Neu-Ulms zerstört. Damit waren große Teile der Bevölkerung obdachlos geworden. Notdürftig waren viele Einwohnerinnen und Einwohner in den Ruinen – durch wenige Trümmerteile bewohnbar gemacht – untergekommen oder aufs Land geflohen. Es war also umso wichtiger sich darauf zu konzentrieren, was in den Trümmerbergen und in den teilzerstörten Gebäuden noch verwertbar war.

Funktionsfähige Möbel wurden geborgen, in die vorüber­gehenden Unterkünfte aufs Land gebracht oder ge­tauscht. Beschädigtes wurde zu Brennholz oder Flick­material. Ähnlich verfuhr man auch mit Ziegeln und anderem Baumaterial. Aus den Trümmerbergen wurden nach und nach brauchbare Backsteine und andere Elemente gesammelt, grob gereinigt und gestapelt. Hieraus konnten dann vorläufige und
auch feste Bauten errichtet werden. Unbrauchbares Material wurde beispielsweise dazu verwendet, Bombentrichter zu füllen.

In manch einem Gebäude der Zeit finden sich noch heute Spuren dieser Verwertung. Bahnschienen wurden zu Fenster- oder Türstürzen, Bunkertüren zu Kellereingängen. Auch in den späteren Jahren des Wiederaufbaus kam Kriegsschutt zum Einsatz: Er wurde gemahlen und mit Zement zu neuen Ziegeln oder Baumaterial verar­beitet.

Stunde Null

Zerstörung und Not

Die zerstörte Wallstraße. Im fernen Hintergrund die Kirche St. Georg in Ulm am alten Friedhof, 1945, StANU, Heimatmuseum
Die Gastwirtschaft „Zum Grünen Kranz“ in der Wilhelmstraße 22, 1945, StANU, Heimatmuseum
Ein Mann mit Kind bei der Rettung aus dem Luftschutzkeller, 1945, StANU, Mangold
Die Feuerwehr beim Einstieg in die brennende Marienapotheke, 1945, StANU, Heimatmuseum
Männer, Frauen und Kinder standen vor den Aushängen an den Mauern und suchten nach Arbeit, Essen und Möbeln, 1945, StANU, Mangold

„Leben tun wir noch, aber haben tun wir nichts mehr.“
Mutter von Anne Gerstlauer

Achtzig Prozent der Stadt waren zerstört. Schutt und Brandherde überall. Die Feuerwehren erreichten wegen der Bombentrichter nicht alle Häuser und die Menschen bildeten Ketten, um Wasser mit Eimern, Schüsseln und verschiedenen Behältnissen von der Donau
zu den Bränden weiterzureichen. In der Zentralschule wurde ein Notquartier errichtet. Auch in den Bunkern wurden Lager eingerichtet.

Die so genannte „Stunde Null“ war weit mehr als eine Zeit des Staubabklopfens und weiter zur Tagesordnung übergehen. Es war eine Zeit der tiefsten Not, in der die Menschen traumatisiert von ihren Erlebnissen und ohne Perspektiven mit dem Rest ihres Lebensmutes um die Wiederherstellung der mindesten Lebens-bedingungen wie Essen, Unterkunft, Arbeit und nicht zuletzt ihre Gesundheit kämpfen mussten. Über 9.000 Obdachlose wurden in die umliegenden Orte verteilt. Jeder, der ein Zimmer übrig hatte, musste kriegsgeschädigte Menschen aufnehmen. Jeden Tag fuhren sie zurück zu ihren unbewohnbaren Häusern, um zu retten, was noch brauchbar war. In Listen, unter anderem vom Roten Kreuz, suchten sie täglich nach Lebenszeichen ihrer Familien und ihrer Freunde.

Die amerikanischen Truppen zogen erst am 23. April 1945 in Ulm und zwei Tage darauf in Neu-Ulm ein.

Angriffe

1. und 4. März 1945

Bomben über Neu-Ulm. Sie zerstören ca. 80 Prozent der Innenstadt. Neu-Ulm ist damit eine der am stärksten zerstörten Städte in Bayern, 1. oder 4. März 1945. StaNU, Mangold
Feuer schlagen aus den Fenstern in der Augsburgerstraße. Die Menschen versuchen zu retten, was noch brauchbar ist. 4. März 1945, StANU
Kurz nach dem Angriff stehen die Rauchschwaden vor der Bäckerei Beck in der Friedensstraße in der Luft. 4. März 1945, StANU, Heimatmuseum
Das zerstörte Gebäude der Kolonialwarenhandlung Thumm in der Kasernstraße.Sommer 1945, StANU, Heimatmuseum
Foto der alliierten Luftaufklärer. Es diente zur Prüfung der Schäden und zur Vorbereitung auf den nächsten Angriff. 2. März 1945, StANU

„Luftgefahr 15. Fliegeralarm. […] Das Brummen der Bomber wurde immer lauter. Eine Sprengbombe hatte das für bomben-sicher gehaltene Festungsgewölbe durchschlagen. […] Der
innere Stadtkern von Neu-Ulm war nicht wieder zu erkennen.“
August Welte

Der zweite Großangriff am 1. März 1945 hatte für Neu-Ulm die gravierendsten Folgen. Etwa 420 Flugzeuge warfen zwischen
13.15 Uhr und 14 Uhr 1.950 Sprengbomben, 100.000 Stabbrand-bomben, 10 Minenbomben und 1.100 Flüssigbrandbomben ab. Eine Luftaufnahme vom 2. März zeigt die Zerstörung durch die Bomben
des Angriffs. Nur noch wenige Dächer sind intakt. Man sieht in das Innere der Häuser, erkennt sogar die Raumauf­teilung. Die Stadt ist übersäht mit Kratern.

„[…] denn man wusste ja schon, sonntags oder donnerstags kommen sie – hat mer drauf gehen können. Dadurch, dass die Erde immer noch gefroren war, war der Aufprall viel stärker. Der Luftdruck hat unwahrscheinlich geschafft – Hausdächer wurden abgeworfen, im Keller kam der Luftdruck durch die Eisen- und Kellertüren durch.“
Desdemona Buck

An diesem Tag verloren 472 Menschen ihr Leben, 181 wurden verletzt und 17.500 Menschen wurden obdachlos.

Wie das Luftaufklärerfoto zeigt, war die Friedenskaserne vorerst
noch intakt. Drei Tage später ereilte die Stadt der nächste Angriff. Mit weniger Flugzeugen, aber nur unwesentlich weniger Munition. Nochmal 154 Tote, 321 Ver­letzte und 11.500 Obdachlose.
Diesen Großangriffen folgten bis zum Einmarsch der Alliierten am
24. April 1945 sechs weitere gezielte Angriffe durch Jagdbomber auf den Bahnhof, die Eisenbahnbrücke und Offenhausen.

Brückenstraße

Wiederaufbau

Häuserzeile um 1930 mit Gänstorbrücke, mit deren Bau 1911 als erste Brücke an dieser Stelle der östliche Teil Neu-Ulms sich zu entwickeln begann. Filiale von Karl Gaissmaier am Eckhaus. StANU
Baugesuch des mittleren Gebäudes, Brückenstraße 2, 1924, StANU
Teils abgebrochene Ruinen und Wieder­aufbau der Eckhäuser, ca. 1947, StANU, Sammlung Mangold
Ansicht der zerstörten Häuserzeile nach den Luftangriffen, 1945, StANU
Provisorische Gänstorbrücke, dahinter fertige Rohbauten, 1950, StaNU, Sammlung Mangold
Häuserzeile und Gänstorbrücke mit Flak-Aufbauten, ca. 1941, StANU
Wiederaufgebaute Gebäude, linkes Eckhaus noch im Rohbau, Karl Gaissmaier jetzt im südlichen Gebäude, 1950, StANU, Sammlung Mangold
Figur über dem Eingang des mittleren Gebäudes Brückenstraße 2 Kunstraum Putte.
Ansicht 2019, Oleg Kuchar

Die drei Häuser an der Gänstorbrücke mit den charakteristischen Giebeln wurden nahezu zeitgleich 1924 / 25 errichtet. Das mittlere Haus verfügte damals im Erd­geschoss weder über Ladengeschäfte noch Arkaden. Spätestens 1941 erhält das nördliche Eckhaus eine
Flakstellung auf dem Dach.

Bei den Luftangriffen auf Neu-Ulm und Ulm wurde die gesamte Häuserzeile stark beschädigt. Die Dächer brannten nieder, die Geschossdecken stürzten ein, Teile der Außenmauern waren zerstört.

Nach dem Krieg wurden als erstes die beiden Eckgebäude bis 1948 aus Kriegstrümmersteinen wieder errichtet. Beim mittleren Gebäude trug man die vordere Gebäudehälfte vollständig ab, die hinteren Räume blieben als Rohbau stehen.

Beim Wiederaufbau erhielt das Mittelhaus im Erdgeschoss zwei Geschäftslokale, und bekam damit erst seine heutigen, charakteristischen Rundbogenfenster. Verkaufsflächen waren wichtig, da zahlreiche Einzelhändler seit dem Krieg in temporären Verkaufsständen und Provisorien unter­gebracht waren und hier
nun eine Bleibe finden konnten.
1950 ist der Wiederaufbau des mittleren Gebäudes end­gültig abgeschlossen, wie das Datum über dem Eingang belegt. Untergebracht waren ein Buch- und Zeitungsladen sowie ein Optiker, was bis heute an der dortigen Putte mit Brille und Buch ablesbar ist. Heute befindet sich im Haus, nach dieser Figur benannt, der Kunstraum Putte e.V.

St. Johann Baptist

Blick von Nordosten auf die teilzerstörte Hauptfassade, 1945 StANU, Heimatmuseum
Blick vom beschädigten Dachstuhl der Kirche aus nach Ulm, 1947 StANU, Heimatmuseum
Blick von Nordwesten. Gut zu erkennen ist an der Ruine im Vordergrund noch der betonierte Splitter- und Trümmerschutz vor dem Luftschutzkeller aus Beton, 1947, StANU, Heimatmuseum
Blick über Johannesplatz auf noch brennende Ruinen in der Augsburger Straße, 1. oder 4. März 1945 StANU, Heimatmuseum
Beschädigter Löwe, der über einige Umwege in der Nachkriegszeit, die ihn zum Spielzeug, Wäscheständer machten, seinen Weg wieder auf den Vorplatz finden konnte. 1945 StANU, Sammlung Mangold
Neue Christusfigur aus Tuffstein bei der Anlieferung zur Montage, 2019 StNU
Aufstellen der neuen Christusfigur, 2019 StANU

Die Kirche St. Johann Baptist wurde 1857 zunächst als katholische Garnisonskirche errichtet und zwischen 1922 und 1926 nach Plänen Dominikus Böhms erweitert und in eine expressionistische Formensprache überführt.

Das Gotteshaus erlitt starke Schäden während der Luftangriffe 1945. Vor allem das Querhaus der Hauptfassade wurde auf Ost- und Westseite nahezu zerstört. Ferner wurde das Dach über dem Kirchenschiff stark beschädigt. Die steinerne Christusfigur der Kreuzigungsgruppe hoch oben über dem Eingang wurde, vermutlich von Druckwellen, vom Gebäude gestoßen. Auch der Markuslöwe (1926, Fritz Müller) vor der Kirche verlor einen Teil seiner Schwingen.

Nach dem Krieg wurde die Kirche in ihrer alten Form wieder aufgebaut. Einen letzten Schlussstein des Wiederaufbaus erfuhr das Gebäude erst im Herbst 2019: Nach dem Krieg war die Christusfigur nur durch einen Betonabguss ersetzt worden, der mittlerweile marode geworden war. Bei der Gesamtsanierung wurde jetzt wieder ein originalgetreuer Christus aus Muschelkalk in die Mitte der historischen Figurengruppe eingesetzt, wodurch die letzte Kriegswunde geschlossen werden konnte.

Angriffe

10. September 1944

Zerstörte Häuser „An der kleinen Donau“, 1944, StANU, Heimatmuseum
Die Ruine der Löwenbrauerei von der Donauinsel aus gesehen, 1946, StANU
Karte mit den Treffern in Neu-Ulm und Umgebung vom 10. September 1944, StANU
Gasthaus Bavaria „An der kleinen Donau“, 1944, StANU, Heimatmuseum
Gewerbekarten der Löwenbrauerei, StANU
Die Geschichte der Löwenbrauerei geht bis 1815 zurück. Das Traditionsunter­nehmen wurde beim Angriff nahezu vollständig zerstört, 1944, StANU
Leben „An der kleinen Donau“ vor der Zerstörung: Metzgerei Hans Otto und Lebensmittelgeschäft Eugen Kutter, 1942 StANU, Heimatmuseum

„Sonntagvormittag. Fliegeralarm. Feindflugzeuge im Anflug auf unsere Stadt. […] Dachstuhlbrände in der Augsburgerstraße, Maximilianstraße, Marien­straße und an der kleinen Donau. Auch die Real­schule brennt.“
August Welte

Insgesamt 180 Flugzeuge griffen Ulm und Neu-Ulm an. Zwischen
11.15 Uhr und 11.40 Uhr fielen 900 Sprengbomben und 8.700 Brandbomben auf beide Städte. Die Hauptangriffsziele waren die Wehrmachtsanlagen in Neu-Ulm und die Reichsbahnanlagen in Ulm.

Neben den militärisch relevanten Bauten trafen die Angriffe in
Neu-Ulm außerdem noch die Löwenbrauerei, das Rathaus, die Orts-krankenkasse und die Realschule. 150 Gebäude wurden total zerstört, 393 schwer bis leicht. 36 Tote und 61 Verletzte waren zu beklagen
und ca. 3.000 Menschen waren obdachlos geworden und mussten umquartiert werden.

Akribisch markierte man die Treffer dieses Tages auf einer Karte. Darauf ebenfalls vermerkt, die exakte Anzahl und Art der Munition,
die auf Neu-Ulm fielen: 510 Spreng­bomben und 8.120 Brandbomben. Die Karte zeigt, wie gezielt die Bomben abgeworfen wurden und
wo die Zentren des Angriffs lagen: Neu-Ulm Zentrum mit den heutigen Industriegebieten, Offenhausen und der Striebelhof.