Zeitzeugengespräch

Foto: Lothar Bartolf
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Immaterielles Kulturgut Zeitzeugengespräch:

Für die Laufzeit unserer Ausstellung war ein breites Veranstaltungsprogramm geplant. Hiervon konnte, aufgrund der corona-bedingten Schließung, nur ein kleiner Teil stattfinden. Eine dieser Sonderveranstaltungen war das Zeitzeugengespräch mit Eugen Weimar am 12. März 2020, der die Angriffe auf Neu-Ulm und Ulm als damals 11-jähriger Junge miterleben musste. Er erzählte uns von den Angriffstagen, wie die Familie aus Neu-Ulm floh, und in die nicht wieder zu erkennende Stadt zurückkehrte, aber auch von den Widrigkeiten der ersten Jahren nach dem Krieg. Altstadtrat Ulrich Seitz moderierte das Gespräch. Dieser Erfahrungsbericht aus erster Hand führt den nachfolgenden Generationen Not und Leid der Menschen vor Augen und ist ein Mahnmal gegen das Vergessen.

Weimar: Mein Name ist Eugen Weimar und ich bin gebürtiger Neu-Ulmer. Geboren wurde ich in der Dammstaße. Aufgewachsen bin ich in der Augsburger Straße, damals Hindenburgstraße.
Meine Familie stammt ursprünglich aus Schwaighofen. Dort war mein Großvater Postbote und Zeitungsausträger. Mein Vater hat aus mehreren Schrebergärten eine Gärtnerei entwickelt, die aber 1942 geschlossen wurde, weil mein Vater zur Wehrmacht musste.
Wir waren insgesamt vier Kinder. Aber das zweitälteste, die Herta, ist früh gestorben. Es gab 1941/42 die große Epidemie mit Scharlach und Diphterie. Es hat uns alle vier erwischt. Drei von uns hatten Diphterie, Herta hatte Scharlach und ist daran gestorben. Da war sie acht Jahre alt. Das Grabsteinchen habe ich immer noch am Neu-Ulmer Friedhof.
Die Mutter ist jede Nacht, wenn der Fliegeralarm kam, mit uns in den Keller. Es gab in dem Haus drei Familien, sodass wir insgesamt so zehn Leute dort waren. Wir sind dann eng beieinandergesessen. Wir hatten immer etwas Vorrat dabei, für den Fall, dass wir nicht so schnell raufkommen konnten. 1945 sind wir dann ausgebombt worden. Das jetzt vielleicht einmal zum Einstieg.

Seitz: Zunächst auch von meiner Seite ein herzliches Grüß Gott. Ich bin Ulrich Seitz. Man kann sagen, dass ich von klein auf Neu-Ulmer bin. Meine Eltern haben mich immer mit Informationen zur Stadt versorgt, so dass ich praktisch in die Geschichte Neu-Ulms hineingewachsen bin. Mein erster Arbeitgeber, die Stadt Neu-Ulm, hat mich dann gleich ins Einwohnermeldeamt gesteckt. Ich habe also quasi schon mit 16 Jahren die alten Karteikarten mit den Einwohnerdaten gesehen. Da ging das Interesse an Neu-Ulm eigentlich los. Das hat sich bis heute gehalten. Ich bin inzwischen zehn Jahre Vorsitzender vom Historischen Verein.
Ich habe das Glück ein Nachgeborener zu sein und kann also ganz „entspannt“ und trotzdem sehr ergriffen über die Kriegsjahre nachdenken und über diese Zeit reden, weil ich sie nur vom Hörensagen kenne. Durch die vielen Gespräche, die ich vor allem in den letzten fünfzehn Jahren mit Zeitzeugen führen durfte, habe ich viele ergreifende Geschichten gehört, von denen ich vielleicht im Laufe des Abends noch etwas einbringen kann.
Zunächst aber bin ich sehr froh, dass wir mit Herrn Weimar jemanden gefunden haben, der in Neu-Ulm verwurzelt ist. Ich würde gerne mit der Kindheit beginnen. Wie sind Sie aufwachsen? 

Weimar: Aufgewachsen bin ich an der Ecke Blumenstraße/Augsburger Straße beziehungsweise damals Hindenburgstraße 37, das ist das Eckhaus, gegenüber des heutigen „Café D’Art“. Die Familie war dort, weil die Wohnung im Parterre entsprechend groß war und ein Ladengeschäft dazugehörte. Somit konnte das, was der Vater in der Gärtnerei angezogen hat, direkt im Laden angeboten werden. Das war vorwiegend Gemüse und im Sommer auch Sommerblumen. Wir Kinder konnten uns im schönen Hinterhof mit anderen Kindern treffen oder in der Blumenstraße Fußball spielen. Damals gab es in Neu-Ulm noch kaum ein Auto, da war das überhaupt kein Problem. Das einzige Problem war, dass wir immer in den Kniestrümpfen gespielt haben und wenn wir gefallen sind, dann war das Knie kaputt.
Ich würde gerne wieder auf das Jahr 1945 zurückkommen. Es war damals ja so, dass mein Vater nicht mehr da war. Er war ja bei der Wehrmacht. Unsere Mutter war also mit uns Kindern alleine. Jede Nacht hat sie uns rausgeschmissen, wenn der Alarm kam, und dann ging es in den Keller. Ich kann mich noch gut entsinnen, dass ich eines schönen Tages zu meiner Mutter gesagt habe: „Du Mama, muss man eigentlich ein Leben lang bei Nacht um zwölf Uhr in den Keller?“ Dann hat die Mama gesagt: „Ja, so lange Krieg ist, wird das so sein.“ 1945 hat es uns dann erwischt. Wir waren im Keller und als der Angriff mit den entsprechenden Detonationen kam, sind wir allesamt am Boden gekniet und haben gebetet. Irgendwann war es vorbei und wir konnten aus dem Keller raus und haben gesehen, dass das Haus nicht mehr bewohnbar war. Es hat zwar nicht gebrannt, aber durch die Sprengbomben war keine Tür oder keine Fenster mehr da. Wir konnten also nicht mehr dort bleiben. Da muss ich heute noch den Kopf schütteln, wenn ich mir vorstelle, wie das meine Mutter so auf die Schnelle auf die Reihe gebracht und gesagt hat: „Jetzt fahren wir zum Vater ins Jordanbad.“ Das war uns damals natürlich noch kein Begriff. Auf jeden Fall ging es dann nach Ulm zum Hauptbahnhof. Wir hatten das Glück, dass die Herdbrücke noch betretbar war und wir rüberkamen. Über die Hirschstraße ging es zum Bahnhof und wir hatten dort wiederum das Glück, einen Zug nach Biberach-Ummendorf zu erwischen. Dort sind wir dann aus dem Zug ausgestiegen und mussten quer durch das Gelände zum Jordanbad laufen. Als wir im Jordanbad ankamen, haben die Franziskanerinnen, die damals das Jordanbad betreut haben, die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen. „Was machen wir denn mit einer Frau und drei Kindern?“ Zum Glück hat sich das Problem schnell gelöst. Die Schwester Oberin hat den Bürgermeister von Ummendorf angerufen und der hat uns dann im Ort verteilt, so dass wir dort zunächst über Nacht bleiben konnten. 

Seitz: Zwischenfrage: Sie waren acht Jahre alt?

Weimar: Elf!

Seitz: Wie war das mit der Schule? Gab es da noch regelmäßig Schulunterricht?

Weimar: Am Anfang schon, dann aber nicht mehr regelmäßig. Ich ging damals in die sogenannte Horst-Wessel-Schule.

Seitz: Zentralschule (Anm. d. Red.: später Zentralschule, heute Peter Schöllhorn Schule)

Weimar: Also damals hieß sie noch Horst-Wessel-Schule und da ging es regelmäßig in die Schule. Ich hatte irgendwann Probleme mit dem linken Fuß. Da hat mich das Fräulein Hermann, das war die Lehrerin, die hat in der Maximilianstraße gewohnt, immer an der Hand genommen und ist mit in die Schule gegangen. Das ging eine gewisse Zeit. Als sich die Angriffe gehäuft haben, war es mit dem Schulunterricht vorbei. Wenn ich mich richtig entsinne, hat es bis zur dritten oder vierten Klasse gereicht. Dann war Feierabend. 

Seitz: Dieser Angriff auf Neu-Ulm am 11. März kam ja nicht nur zufällig. Es gab ständig Alarmierungen, wenn die Alliierten Luftstreitkräfte in einen gewissen Bereich eingeflogen sind. Sie sagten, es ging regelmäßig in den Keller. Da hat man doch auch eingepackt, nicht nur Vorräte zum Essen. Wie sah das denn aus, was hat man da so mit sich geführt?

Weimar: Da kann ich nicht viel mitsprechen, weil das Sache der Mutter war. Die Mutter hatte einen Koffer, wo entsprechend Kleidung und ähnliches drin war. Für uns Kinder hat man jeweils eine Tasche gepackt, die wir selbst tragen konnten. Die stand immer parat. Wenn Alarm war, hat man die Taschen geschnappt und ist damit in den Keller gegangen. Die Taschen haben wir dann auch nach der Bombardierung Richtung Bahnhof mitgenommen. 

Seitz: Wie war das ganz generell? Hat man in dem Keller die Flugzeuge mit den Motoren kommen hören? Oder sind sie in dem dunklen Keller gesessen und wenn man die Einschläge gehört hat, hat man gewusst, jetzt geht es los?

Weimar: Also an die Motoren kann ich mich im Moment nicht erinnern. Es war ja so, dass die Fenster mit Beton zugemacht wurden. Die Stahltüren hat man fest verschossen, so dass keine Bombe rein konnte. Also ich kann mich erinnern, dass man außer den Sirenen noch was anderes gehört hat, aber das kann schon sein. Insbesondere wenn es in der Nachbarschaft Einschläge gab. 

Seitz: Ein anderer Zeitzeuge, Otto Grüninger, der Zimmermeister war und dessen Eltern in der Hermann-Köhl-Straße ein Haus hatten, beschrieb es so, dass das Schrecklichste dieses Warten war, wenn man die Motoren gehört hat. Er sagte, das Schlimmste sei dieses Brummen der Motoren gewesen. Dann ging es los mit den Einschlägen. Aber dieses Brummen muss vielen Zeitzeugen als ganz besonders schrecklich in Erinnerung sein, weil man dann wusste: „Jetzt geht es gleich los, jetzt sind wir dran.“ Dieser Ausdruck „jetzt sind wir dran“, der ist mir öfter begegnet und da merkt man auch, dass das wirklich etwas ist, was man ein Leben lang nicht so ganz verarbeitet. Dieser Eindruck bleibt. Der ist eingebrannt. Wobei es so war, dass man ja diese Alarme hatte und dann war Entwarnung. Dann ging es wieder rauf. War das nur einmal pro Nacht oder gab es da mehrmals nachts Alarm in Neu-Ulm?

Weimar: Das kann ich jetzt nicht mehr sagen. Ich weiß noch, dass wir jede Nacht in den Keller mussten. Ob das dann zweimal war, das kann ich schlecht sagen. Was natürlich für uns schon ein großer Schock war, war als Ulm bombardiert wurde und es dabei auch einen Teil von Neu-Ulm erwischt hat. Das war unten an der Gänstorbrücke. Dort waren damals ein Schlachthof und ein Wohngebiet, das es damals gleich am 17.12. erwischt hat. Da gab es dann auch Tote. Wir waren da ja ziemlich nah dran und da war bei uns schon einiges an Angst da. 

Seitz: Also interessant ist ja, dass man nach der Bombardierung Ulms am 17.12. zunächst einmal gemeint hat, dass es für Neu-Ulm damit auch gelaufen ist und man sich nicht vorstellen konnte, dass es sich wiederholen könnte. Aber als sich der Rauch nach dem 17.12. gelichtet hat, da haben die Alliierten festgestellt, dass der südliche Teil von Ulm mit den Bahnanlagen und auch mit dem Heereszeugamtsgelände (Anm. d. Red.: Starkfeld), also mit den großen Wehrmachtsdepots im Bereich Offenhausen, eigentlich vollständig unzerstört war. Es gab am Schlachthof und an einigen anderen Stellen in der Stadt einzelne Beschädigungen, aber im Großen und Ganzen war Neu-Ulm nach dem 17.12. noch intakt. Es mehrte sich dadurch die Sorgen, dass da vielleicht doch noch einmal was nachkommt, weil es einfach viele strategisch interessante Ziele gab. Die Bahnstrecke nach Augsburg und München zum Beispiel und dann noch der große Güterbahnhof und das besagte Wehrmachtsdepot. Deswegen hat nach dem 17.12. wohl in Neu-Ulm so ein schleichender Exodus stattgefunden. Familien, die die Gelegenheit hatten, die Kinder aufs Land zu schicken, haben die Stadt Zug um Zug verlassen und wenn es bloß nach Finningen war. Wichtig war damals, raus aus dem Zentrum zu kommen, da man doch Angst vor weiteren Angriffen hatte. Das Ganze ist dann tatsächlich auch am 1.3. eingetreten. Wenn man sich vorstellt, Tagangriffe, also um 11 Uhr oder 13 Uhr mittags, mit Flugzeugzahlen, die aus heutiger Sicht unglaublich sind, beim ersten Angriff 750 Maschinen, beim 2. Angriff 500 … Man hatte ja eigentlich nur noch wenige Tage bis zum faktischen Kriegsende. Eine Flak in Neu-Ulm gab es so nicht. Es gab zwei 20 Millimeter Flak, bei der bei 2.000 Meter Höhe die Durchschlagskraft nachgelassen hat. Die Maschinen sind bei bester Sicht einfach über die Flak weggeflogen. Es war ein Trugspiel, das da stattgefunden hat. Der tatsächliche Luftschutz war gleich Null. Man hat die Leute, entschuldigen Sie bitte, buchstäblich verarscht. Schutzräume, die die Bezeichnung verdient hätten, standen nicht zur Verfügung. Ich habe als Kind noch auf der Grünfläche der Horst-Wessel-Schule / Zentralschule gespielt. Da gab es zwei so Unterstände. Ein Luftschutzkeller. Ein aus Platten zusammengestelltes Teil, mit einem Luftpumpgerät zum An- und Abpumpen von Luft. Wenn da irgendeine Sprengbombe auf diesen oder neben diesem Luftschutzkeller gelandet wäre, wären da auf jeden Fall alle tot gewesen. In Ulm gab es ja das tragische Ereignis mit dem Sonnenbunker, dem Sonnenkeller in Söflingen, wo man der Bevölkerung vorgemacht hat, es sei ein Großkeller und Wunder was alles. Die Decke hatte aber überhaupt keine Belastbarkeit. Ein Treffer und dann war es das. Das klappte zusammen wie ein Kartenhaus, so war also der Luftschutz. Diese Räumlichkeiten selber ausgebaut im Keller mit den Eisentüren …

Publikum: In dem Moment wurde es Luftschutzkeller genannt.

Seitz: Ja genau, in dem Moment wurde es Luftschutzkeller genannt. Statisch ist das nicht überprüft worden. Gelegentlich gab es auch welche, die Decken abgestützt haben. Aber richtige ernstzunehmende Luftschutzräume gab es eigentlich nicht. Auch in den privaten Wohnhäusern nicht. Man hat halt diese Keller rausgesucht, wo man das Gefühl gehabt hatte, die bieten die meiste Sicherheit. Das einzig Vernünftige, was sich in der nachträglichen Betrachtung ergeben hat, waren diese Kellerdurchschlupfe, also dass man die Keller untereinander verbunden hat. Wenn es in einem Haus ein Problem gab, einen Treffer oder einen Brand, kam man natürlich über das Treppenhaus nicht raus, so dass man dann eben zum Nachbarn hinübersteigen konnte. So war es dann auch in Neu-Ulm im Bereich der Friedenskaserne. Da ist man durch drei bis vier Keller durchgestiegen, um dann in einem noch gesicherten Treppenhaus ins Freie zu kommen. 

Publikum: Bis dahin sind ja die Leute dann unten gewesen und sind dann vielleicht auch durch den Rauch gestorben? 

Weimar: Es war so, dass es die Anordnung gab, dass man die Keller nicht verlassen durfte bevor es ein Entwarnungssignal gab. Man ist also in den Kellern gesessen und hat einfach gewartet. Wenn es oben zu Erschütterungen kam, weil zum Beispiel eine Sprengbombe zwei Stockwerke getroffen hat, dann hat es schon sein können, dass man sagte: „Jetzt machen wir einmal die Türe auf und schauen was da los ist.“ Aber in der Regel ist man unten geblieben und hat bis zur Entwarnung gewartet. 

Publikum: Aber waren die dann rauchsicher?

Seitz: Also sagen wir mal, es gab Vorschriften.

Publikum: Wenn da Rauch runterkam, ist man ja da unten erstickt.

Seitz: Es gab die Vorschrift, Gasschleusen einzubauen, um die Türen luftdicht verließen zu können, wenn es im Haus brannte oder irgendwelche Kampfstoffe geworfen wurden. Das hat aber nur teilweise funktioniert. Es war auch nicht überall üblich. Es gab dann so Luftschutztüren aus Holz mit Griffen zum Verriegeln und ähnliches. Aber das war eigentlich vorgegaukelt, weil das praktisch keinen Wert hatte. 

Seitz: Zum Thema Feuerwehr und Löschungs- oder Rettungseinsätzen: Da gab es in Neu-Ulm Pläne, wie man vorgehen sollte. Wenn in Neu-Ulm ein Angriff stattfindet, sollten die Wehren der umliegenden Dörfer alle in die Stadt kommen. Dort würden sie dann zu den Brandherden gelotst, um die Brände zu löschen. Es gibt einen Bericht, der mich persönlich betrifft, weil er ein Stück Familiengeschichte ist, da mein Onkel Feuerwehrlotse war. Wenn Alarm war, dann musste er nicht in den elterlichen Keller, sondern musste ins Augsburger Tor. Dort war die Neu-Ulmer Feuerwehr untergebracht. Die Feuerwehrlotsen sollten, wenn die Entwarnung kam, die auswärtigen Feuerwehren an bestimmte Stellen bringen. Was am 1.3. mit der Neu-Ulmer Feuerwehr passiert ist, das darf ich Ihnen einfach vorlesen.
„Der Oberschüler saß am 1.3.1945 noch am Mittagstisch als der Alarm kam. Ich bin sofort zum Augsburger Tor gerannt und in den zwei Einfahrten, markiert von Wachstuben, war die Feuerwehr untergebracht. Starke, mit Eisen beschlagene Holztore mit Fenstern schlossen sich. Zuerst saßen wir im ersten Wachraum an der Südseite zur Hindenburgstraße. Wir, das waren ältere Feuerwehrleute, SD Sicherheitsdienstleute ukrainischer Herkunft und ein alter Hilfspolizist Namens Holl, der das Kommando führte. Als Feuerwehrlotsen waren noch Dieter Mayer, der Sohn des Möbelfabrikanten Georg Mayer, und ein Junge namens Löwenstein dabei. Die Flugzeuge konnte man gut hören. Das Brummen wurde deutlicher und klarer. „Jetzt gilt es uns“, habe ich gedacht. Der Hilfspolizist verlegt uns auf die Nordseite, in einen Wachraum Richtung Donau, weil dort die Erddeckung über dem Gewölbe stärker sei. Es blitzt und kracht und da der Wachraum keine Türe hatte, kam Licht und Ton klar durch die Fenster und Ritzen. Dann ein grauenhafter scheppernder Klang, ein Brennstoffgestank und wieder fürchterliche Einschläge, einmal lauter, einmal leiser mit den Angriffswellen wechselnd. Eine ewige dreiviertel Stunde lang. Als der Lärm abnimmt, hieß es: Tore auf! Zur Stadtseite ging nichts, beschädigte Tore, Schutt und Bombentrichter blockierten die Ausfahrt. An der Außenwand unseres ersten Schutzraumes hatte eine Sprengbombe eingeschlagen, die stählerne Fensterklappe ist abgerissen, die Außenwand ca. 1,20 Meter dick, eingedrückt, das Deckengewölbe teilweise eingestürzt. Gott sei Dank waren wir schon raus. Später haben wir acht Sprengbombenkrater im Umkreis von dreißig Metern gezählt. Die hinteren Tore zum Offizierskasino, heute Barfüßer, gingen auf und ich stürmte hinaus, eine Schlauchrolle unter dem Arm und ein Gefährte mit Hydrant lief hinter mir her. Er wollte nach Hause und nachsehen. Am Weg stand die Gaststätte „Stadt Athen“, wegen des Veranstaltungssaals eine der guten Stuben in der Stadt. Sie war nach Sprengbombentreffen platt zusammengeschichtet wie ein Kartenhaus. Unser Haus brannte noch nicht, aber das Nachbarhaus Hindenburgstraße 132, Schlosser Kopp, hatte eine Sprengbombe erwischt. Der Giebel unseres Hauses war stark erschüttert. Wir setzten die Hydranten und wollten löschen, es brannte ja überall und überall Qualm und Feuer, doch es kam kein Wasser. Ich meldete mich dann im Augsburger Tor zurück. Einige Zeit habe ich mich dann ans Donauufer geflüchtet, Einzelheiten davon weiß ich nicht mehr. Ich weiß noch als ich wieder nach Hause gelaufen bin, da war unser Haus fast abgebrannt. Ich traf Vater und Mutter und sie waren am Leben geblieben. Mutter hatte aus dem brennenden Haus alles herausgeschafft, was sie erwischen konnte. Unter einem kleinen Nussbaum im Hinterhof lagen gestapelt Kleinmöbel, Betten aber der Funkenflug war zu stark, entzündete das Bettzeug und so verbrannte auch noch das Letzte. Die Ausgebombten trafen sich zum Übernachten in der Horst-Wessel-Schule, wo das Rote Kreuz auch Essen ausgab. Am Morgen des 2. März gingen meine Eltern und ich zurück zu unserem Wohnhaus. Im Keller begannen gerade die Lattenverschläge zu brennen, die Briketts lagerten noch dort. Aber wie löschen? Wasser gab es noch immer keines. Aber Most war noch da in den Fässern. Mein Vater hat dann eine Kohleschippe immer wieder mit Most gefüllt und gerettet wurde nur eine Kiste mit Geschirr, die wir an die Straße stellten zum Abtransport. Die Nacht zum 3. März haben wir wieder in der Schule verbracht. Für Essen war gesorgt, aber die Stimmung war dumpf und traurig, aber doch erfüllt von dem Bewusstsein, noch einmal davongekommen zu sein. Als Junge habe ich das nicht so sehr empfunden und am Morgen des 3. März machte ich mich auf den Weg zum Bahnhaltepunkt Donautal. Meine Eltern schickten mich zur Oma nach Obersulmentingen bei Laupheim. Die feierte am 4. März ihren 80. Geburtstag. An dem Tag als die Neu-Ulmer Innenstadt vollends in Trümmer fiel.“
Soweit der Bericht meines Onkels. Meine Mutter kam von München an diesen Tagen nach Neu-Ulm zurück, sie musste dort in München in der Fabrik Kriegshilfsdienst leisten. Sie fand ihren Vater in den Trümmern des Hauses auf der Suche nach noch Verwendbarem. Sie hat immer gesagt, als sie das Haus gesehen hat, hat sie gedacht, da lebt keiner mehr. Als sie dann ihren Vater gesehen hat, ging es ihr besser. Er teilte ihr dann sofort mit, dass alle anderen ebenfalls noch am Leben seien, da der Keller gehalten hätte. Das Haus ist, typischerweise für Neu-Ulm, heruntergebrannt, Stockwerk für Stockwerk. Das ist ein Charakteristikum der Städte zu dieser Zeit, weil die ganzen Häuser mit Holzbalkendecken gebaut waren. Wenn also ein Dachstuhl mal brannte – Wasser zum Löschen gab es nicht – brannte sich das Feuer von oben nach unten. Wenn man Luftaufnahmen von Neu-Ulm aus dieser Zeit sieht, sieht die Stadt auf den ersten Blick gar nicht so zerstört aus, weil ja noch eine Menge Häuser stehen, allerdings ohne Dächer. In Wirklichkeit waren das alles ausgebrannte Häuser. Da standen nur noch Außenmauern, Treppenhäuser und Kamine. Insofern war Neu-Ulm nach diesen zwei Bombardierungen nicht mehr bewohnbar. Deswegen mussten die Überlebenden irgendwo raus. Wie war das bei Ihnen, Herr Weimar?

Weimar: Ich habe ja vorher schon erwähnt, dass die Mutter mit uns Kindern zum Bahnhof gelaufen ist und wir ins Jordanbad fuhren. Von dort aus sind wir dann versorgt worden. Am nächsten anderen Tag ging es mit dem Zug weiter nach Bad Wörishofen. Meine Mutter stammte von dort. Wir wurden da von der Verwandtschaft aufgenommen. 

Seitz: Es gibt einen interessanten Bericht, der zeigt, was die Tage danach in Neu-Ulm passierte. Der Zeitzeuge Hermann Thomas hat seine Geschichte zu den Nachwirkungen des Angriffs zu Protokoll gegeben. Er war im Allgäu auf einer Ausbildung der Flieger-HJ. Dort sollten die Jungen geschult werden, damit sie ein Flugzeug in die Luft bringen können, um dann den Feind anzugreifen. Landen lernen war gar nicht vorgesehen. Das wäre das letzte Aufgebot gewesen, sozusagen Kamikaze-Piloten. Das muss man sich mal vorstellen: Buben mit 15 Jahren!
Hier der Bericht von Thomas: „Gerade zwei Tage dort, mussten alle Neu-Ulmer zurückkehren zum Bergen und Aufräumen. Abends ging der Zug und wir waren uns einig: „Wir verdrücken uns.“ Bei der heutigen „Südwest Chemie“ war Schluss, die Schienen kaputt. Wir sprangen auf der falschen Seite aus dem Wagen, genau vor die Füße unseres Begleiters, der genau bemerkt hatte, was läuft. Er brachte uns in die Horst-Wessel-Schule zum Übernachten. Am nächsten Morgen holte uns Frisör Ludwig vom Neu-Ulmer Luftschutz ab, der das Kommando hatte. Wir waren etwa zu acht und trugen unsere HJ-Uniformen. Frühstück gab es nicht. Unser Einsatz begann wenige Schritte weiter in der Wilhelmstraße gegenüber vom Grünen Kranz. Aus einem Haus, zur Hälfte heruntergebrochen, waren Möbel zu bergen. Danach holten wir ganz in der Nähe Mehlsäcke aus einer Bäckerei heraus. Die dritte Station werde ich nie vergessen, an der Donau östlich des Rathauses. (Rathaus war damals das frühere Offizierskasino des Bayerischen Infanterieregiments, etwa da, wo nach dem Krieg das Landratsamt gebaut wurde, jetzt nehmen diese Backstein-Wohnbauten heute den Platz ein) sollten noch Tote in den Kellern liegen. Das Haus war zusammengestürzt und der Splitterschutz vor dem Keller noch unberührt. Den mussten wir wegräumen. Zwei Dielenbretter wurden nach unten geschoben, mit einem Bock unterlegt, so dass eine Rutsche entstand. Wir dachten, unser Chef geht voraus, doch Ludwig weigerte sich. Ihm ging vor lauter Nervosität der Adamsapfel so wild, dass sein Kragenknopf ständig rauf und runter rutschte. Freiwillige vor! Zu zweit stiegen wir ein und nachdem wir uns an die Dunkelheit gewöhnt hatten, sahen wir sie. Links eine Reihe Frauen friedlich sitzend, eine davon mit Kind auf dem Schoß. Rechts eine Reihe Männer, ebenfalls wie schlafend und nur mit ein paar Tropfen Blut an Ohr, Nase und Mund. Später erzählten Ältere was von den Pressluftbomben und von Luftdruck. Ich hatte panische Angst vor den toten Frauen. Vielleicht weil ich an die vom 18. Dezember am Planken von Ulm, dort wo heute das Rondell des Modehauses Walz steht, denken musste. Die waren spärlich abgedeckt, meine ersten. Dem alten Mann banden wir die Hände zusammen und warfen den Strick nach oben, damit die anderen ihn herausziehen konnten. Ich habe am ganzen Körper gezittert.“
Schlimmer geht es eigentlich nicht: Kinder zur Leichenbergung, der Tod überall, die Ruinen, alles zerstört, was man hatte. Natürlich waren die Neu-Ulmer Opfer, alle waren Opfer. Aber Opfer gab es auf allen Seiten. Und wenn man überhaupt von „Kriegsglück“ sprechen darf, hat sich das halt gewendet. Wie kamen Sie, Herr Weimar, nach Neu-Ulm zurück? Wie ging das so vor sich? Lange Zeit war doch Neu-Ulm gesperrt und es durfte ja gar niemand mehr rein. 

Weimar: Das hat folgendermaßen funktioniert: Als der Krieg zu Ende war, war ja mein Vater wieder da. Nach einer gewissen Zeit hat er gesagt, dass es ja nicht ginge, dass er dasitze und anderen Leuten das Essen wegesse und er wieder etwas unternehmen müsse. Also hat er vom Onkel ein Fahrrad bekommen. Auf das Fahrrad kam hinten ein Rucksack mit dem Notwendigsten drauf und auf die Stange vorne der Junge. Dann fuhr der Vater von Bad Wörishofen über Umwege nach Neu-Ulm, weil man ja eigentlich den Ort nicht verlassen durfte. Man durfte auch keine Hauptstraße benutzen, sondern musste immer Feldwege suchen, so dass es lange brauchte, um nach Neu-Ulm zu kommen. Als wir an der Gärtnerei ankamen, mussten wir zunächst über den Zaun steigen, weil vor lauter Brennnesseln und Disteln das Tor nicht mehr aufging. So haben wir dann angefangen. Wir haben sauber gemacht und die Gewächshäuser einigermaßen wieder hergerichtet. Danach haben wir das Zwischenstück zwischen zwei Gewächshäusern, das sogenannte Vorhaus, zum Wohnen hergerichtet. Dann kam meine Mutter mit meinen Geschwistern von Bad Wörishofen und ist in dem Raum eingezogen. Hier lebten wir für eine gewisse Zeit. Später gab es dann die sogenannte Hilfe zum Behelfsheim. Das war ein primitives Einfamilienhaus mit dem Allernotwendigsten. So etwas hat man dann nebenan gebaut und da sind wir dann lange Zeit aufgewachsen. Von da aus ging es dann in die Zentralschule. Wir sind von da draußen immer reingelaufen in die Schule.

Publikum: Und draußen war wo? 

Weimar: Das war an der Finninger Straße genau Visasvis vom Verwaltungsgebäude der Wollverwertung. Damals hat die Wollverwertung die Wolle noch von den Schäfern gesammelt und sie dann weiter verteilt. In diesem Verwaltungsgebäude waren nachher die Amerikaner und haben dort zum Fenster rausgeschaut, wo wir Kinder rumgesprungen sind. Ich kann mich noch gut entsinnen, dass wir gesagt haben, damals hat man das halt so gesagt, da schaut ein Neger raus. Dann hat der Neger gewunken und hat uns noch ein Bonbon oder eine Schokolade zugesteckt. 

Publikum: Wann sind sie zurückgekommen nach Neu-Ulm?

Weimar: Wir sind so 1946 zurückgekommen. Da hat der Vater wieder mit der Gärtnerei angefangen. 

Publikum: Hat es wieder Wasser gegeben?

Weimar: Nein, wir waren vollkommene Selbstversorger. Da gab es gar nichts. Da gab es am Anfang keinen Strom, keinen Kanal, kein Wasser, gar nichts. Wir waren totale Selbstversorger. Wir hatten einen eigenen Brunnen mit einer eigenen Pumpe. Der Vater hat über Beziehungen zu der Firma Reich ein Stromaggregat bekommen, dass wir laufen lassen konnten. Wenn man abends ins Bett ist, hat man es wieder ausgeschaltet. Einen Kanal gab es also auch nicht. Und dann gab es ein Plumpsklo und das hat man immer wieder geleert. Das war also alles ganz weit unten und eine typische Geschichte ist, wie eines Tages der Vater zu mir sagte: „Bub jetzt brauchen wir eine Kuh.“ Da habe ich meinen Vater angeschaut und ihn gefragt, wozu wir eine Kuh brauchen. Er hat gesagt: „Erstens haben wir dann Milch, zweitens haben wir Mist und drittens haben wir ein Fuhrwerk.“ Dann ist er mit dem Fahrrad nach Finningen raus. Dort kannte er einen Viehhändler und von dem hat er dann die Lore eingehandelt. Das war eine richtige Schaffkuh. An die hat man einen Wagen hinhängen können und ist mit ihr aufs Feld und was man halt so zu erledigen hatte. So war das damals. Alles ganz, ganz unten. So hat man da angefangen. Mein Vater hat dann Gemüse angebaut; man musste ja von irgendetwas leben. Zweimal in der Woche hat er das Gemüse verkauft. An den Tagen standen die Leute draußen am Gartentor schon Schlange bis er aufgemacht hat. Er hat dann das Gemüse ein bisschen verteilt, so dass am Ende jeder etwas gehabt hat. Vor allen Dingen waren das von der Reinhardskaserne ausgebombte Leute und auch Flüchtlinge, die da untergebracht waren. Die kamen dann und haben ihr Gemüse erbettelt, damit sie leben konnten und mein Vater hatte ein bisschen Einnahmen. Das ging dann bis zur Währungsreform. 

Publikum: Ich habe das als kleiner Junge als ganz schlimm empfunden von den Backsteinen den Speis abzuklopfen und nichts dafür bekommen zu haben. Wenn man Glück hatte, bekam man ein Vesper. Im Winter mit kurzen Hosen und mit Wollstrümpfen von der Mutter, die total gejuckt haben und dann schaffst du da für nichts und bist fertig am Abend wenn du heimgekommen bist. Immer von einem Backsteinhaufen zum anderen.

Weimar: An das Steine klopfen kann ich mich auch erinnern. Die Steine hat man mit dem Leiterwägele heimgebracht und dort verwendet. An der Friedenskaserne war das, da hat man Backsteine geklopft. 

Publikum: Heute befinden wir uns ja an dem alten Ort der Friedenskaserne.

Weimar: Ja genau da sind wir.

Publikum: Aber was ganz schnell gegriffen hat, war der Schwarzmarkthandel. Da kann ich mich noch gut daran erinnern.

Weimar: Ja gut, so war die Zeit. Wenn du mir das gibst, dann bekommst du das von mir. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie mich mein Vater einmal zum „Hamstern“ geschickt hat, so hat man das damals genannt. Da habe ich vom Großvater das alte Fahrrad bekommen, das schon dreimal unterlegt war und mit dem bin ich dann nach Finningen gefahren und habe dort Weizen erbettelt. Da habe ich von einem Bauern in den Rucksack Weizen bekommen und mit dem Weizen bin ich dann nach Remmeltshofen gefahren und habe den Weizen gegen Mehl umgetauscht und mit dem Mehl bin ich dann nach Holzheim zum Bäcker gefahren und habe das Mehl gegen Brot umgetauscht. Der war großzügig und hat mir einiges in den Rucksack getan. Mit dem Brot bin ich dann heimgefahren und wurde vom Vater gelobt. Da war ich den ganzen Tag unterwegs und hatte zum Glück keinen Plattfuß. 

Seitz: Noch eine interessante Kurzgeschichte zum Wiederaufbau aus den Kellern heraus. Es gibt das Haus Ecke Ottostraße / Friedensstraße, in dem die Praxis von Frau Dr. Seitz, meiner Schwester, war. In diesem Haus ist der Hauseigentümer in seinen Keller eingezogen, hat abgeräumt und hat dann vom Keller aus damit angefangen, sein Haus mit abgeschlagenen Steinen wieder aufzubauen. Man muss sich das mal vorstellen! Er hat da im Keller gewohnt, auch über den Winter, und hat Baumaterial besorgt und Steine geklopft. Also kaum vorstellbare Bedingungen. Zum Heizen einen alten Ofen und Abfall, also alles Mögliche, was halt gebrannt hat. Da konnte man alles brauchen, weil es waren doch relativ viele Leute in der Stadt für das, was an Vorräten da war. Es war ja nichts da. Herr Weimar, haben sie da noch was dazu?

Weimar: Ja, gerade zu der Geschichte. Da gab es von außen, von den Dörfern her, Hilfe. Zum Beispiel wurden Fuhrwerke gestellt, um Abfälle wegzufahren. Da gab es in der Stadt eigene Schutten (Halden), zu denen man das dann bringen konnte, zum Beispiel an der Lessingstraße. Eine nette Geschichte zu der vorgehenden Zeit ist, dass es in Neu-Ulm die so genannte „Pfuhler Artillerie“ gab. Das waren die, die mit ihren Fässern die Gruben geleert und den Inhalt dann raus auf das Feld gefahren haben. Wenn die gekommen sind, haben wir Kinder immer gesagt: „Jetzt kommt die Artillerie.“

Publikum; Hatten Sie auch Kontakt zu den Amerikanern? Mussten sie auch Gemüse abgeben? Ich weiß zum Beispiel von meiner Oma, die hat für die Amerikaner die Wäsche waschen müssen.

Weimar: Da ist mir eigentlich nichts bekannt.

Seitz: Die Amerikaner haben hier in Neu-Ulm sehr abgeschottet gelebt. Am Anfang gab es immer noch die Angst vor diesen „Werwolfsgeschichten“. Viele glaubten an Sabotage, dass vielleicht das Wasser vergiftet würde und solche Dinge. Man hatte auch immer noch Angst vor eventuell versteckten Geheimwaffen. In den Anfangsjahren gab es deshalb noch eine relativ große Distanz zu beiden Seiten. Das beste Beispiel für die Angst, dass die Deutschen den Amerikanern auch noch in der Besatzung etwas tun könnten, war ja die eigene Amerikanische Wasserversorgung mit dem US-Wasserturm. Sie haben gesagt: „Wir gehen nicht an ein deutsches Wassernetz. Das Risiko ist uns zu groß. Wir machen das lieber selbst.“ 

Publikum: Ich war ja früher im Wasserturm und meine alten Kollegen haben erzählt, dass die Amerikaner nach dem Krieg einen Posten aufgestellt haben und dass dieser mit dem Gewehr dafür sorgte, dass alle zwei Stunden eine Chlortablette in den Brunnen reingeworfen wurde. Damals hat man relativ hohe Werte an Chlor im Wasser, weil sie Angst hatten, dass sie sich bei uns irgendetwas holen. Ich weiß nicht, wie groß der Teil war, der das Wasserwerk damals versorgt hat, aber die Amerikaner hatten für eine bestimmt Zeit von uns das Wasser. 

Seitz: Herr Weimar, vielleicht noch ein Wort zu der ganzen Munition, die da rumlag. Wir haben als Kinder auch Brandbomben gefunden und sind sehr leichtsinnig damit umgegangen.  

Weimar: Also da muss ich passen. Mir ist in der Richtung nichts bekannt. Ich habe nur selber eines Tages beim Umgraben in der Gärtnerei eine Stabbrandbombe ausgegraben. Die habe ich dann genommen und habe sie bei mir in den Schreibtisch reingelegt. Da ist sie dann lange Zeit gelegen, bis ich dann irgendwann dachte: „Jetzt musst du schauen, dass du die Brandbombe los bekommst.“ Dann habe ich sie geschnappt, bin ins Auto rein und zur Polizei in die Schützenstraße gefahren. Dann habe ich die da auf den Tisch gelegt und habe gesagt: „Da habe ich eine Brandbombe.“ Der Polizist ist dann gleich in Deckung gegangen. Dann kam ein anderer Polizist und hat sie mitgenommen. 

Publikum: Ich habe mal als Kind gespielt und etliche Brandbomben gefunden und sie den Hang runtergeworfen. Dann war vor 20 Jahren großer Alarm, weil sie eine Stabbrandbombe gefunden haben. 

Weimar: Ja, da war ja vorne an der Brandbombe die Sprengkapsel und mit der hat man aufpassen müssen. Das haben wir aber gewusst. Wir wussten, dass man da nicht mit dem Hammer draufhauen darf. 

Publikum: Das war auch gar nicht so einfach die zu löschen. Wenn man keinen Sand gehabt hat, dann war es rum. 

Weimar: Ja, dann war es rum. 

Publikum: Man war schon leichtsinnig. Immer wenn der Illerkanal abgelassen wurde, war das natürlich eine Fundstelle für Munition. Neugierig, wie Kinder nun einmal sind, bin ich auch mal raus und habe tatsächlich einen verrosteten deutschen Wehrmachtshelm gefunden, ihn aufgesetzt und bin mir sehr stark vorgekommen. Dann habe ich eine Handgranate gefunden und, blöd wie man war, habe ich die abgezogen und geworfen und habe gedacht: „Die werfe ich 40 Meter.“ Sie ist höchstens acht Meter geflogen. Dann habe ich mich hingelegt und den Helm über den Kopf gezogen. Gott sei Dank ist das Ding nicht mehr losgegangen, da hätte ich tot sein können. 

Seitz: Wenn wir schon bei diesen Kindheitserinnerungen sind: Gestern Abend haben Herr Weimar und ich noch einmal telefoniert. Da erwähnte er, dass dieses Geschäftshaus an der Ecke Augsburgerstraße / Blumenstraße bis auf den Keller total weg war und dass nach dem Krieg bis Ende der 1950er noch eine große Außenplakatwerbung um den Keller herum stand. Das war zu dem Zeitpunkt schon eines der wenigen innerstädtischen Ruinengrundstücke. Da ist doch schon relativ viel im Wideraufbau gelaufen. Ich habe ja damals am Augsburgertorplatz gewohnt, bei der ehemaligen Stadtapotheke und Samen Mück. Das Augsburger Tor war privat und abgesperrt, aber das Weimarsche Ruinengrundstück war als Spielplatz ganz toll. Da habe ich tatsächlich einmal eine Mütze gefunden. Das muss man sich mal vorstellen! Das war eine Soldatenmütze, die schon ewig da unten gelegen haben muss. Die habe ich dann stolz auf dem Kopf nach Hause gebracht. Das war harmlos, aber ich bin natürlich geschimpft worden. Schließlich brachte man damit zum Ausdruck, dass man sich wieder in Ruinen rumgetrieben hat. Die Ruinen waren der klassische Kinderspielplatz, auch in Neu-Ulm, überall. Da sind natürlich auch Dinge gefunden worden, die nicht immer prima waren, sondern höchst gefährlich. Der schon erwähnte Feuerwehrlotse in dieser Geschichte hat auch einmal eine Handgranate mit nach Hause gebracht. Da haben sie nicht gewusst, wo sie sie hintun sollen, damit sie die Oma und der Opa nicht finden. Da es Sommer war hat man sie im Ofen versteckt, weil man gesagt hat, man heizt ja nicht. Dann wurde es kälter, die Buben haben nicht mehr daran gedacht, dass die Handgranate im Ofen liegt, und dann ist tatsächlich angeheizt worden. Als die gerade angefangen haben, hat einer einen Schrei getan und man hat das Ding aufgerissen. Obwohl die Zeitung schon gebrannt hat, hat man die Handgranate rausgezogen, damit da nichts passiert. Man ist mit dem Zeug aufgewachsen und das war überall. Die Eltern haben es natürlich entsprechend verboten, aber wie Kinder halt so sind, hat man sich nicht immer daran gehalten. 

Publikum: Da vorne hängt ein Bild vom alten Augsburgertorplatz. Rechts davon ist eine Villa zu sehen. Auf dem Foto sind noch zwei Stockwerke ganz, die sind ausgebrannt und es stehen nur noch Außenmauern. Wir sind heim von der Schule, haben den Ranzen hingestellt und sind dann sofort in die Ruine. Die hat man völlig auseinander genommen, weil man wusste, dass zwischen dem Erdgeschoss und dem Keller eine Lage Blei zwischen der Dachpappe lag. Für Blei hat man beim Alteisenhändler wahnsinnig viel Geld bekommen. Also hat man jeden Tag ein Stück Blei rausgeholt, beim Konsum das Leiterwägelchen gestohlen und ist dann zum Alteisenhändler. Der hat uns allerdings beschissen. Worauf hin wir in der Nacht wiederum mit dem gleichen Leiterwägelchen unser Zeugs wieder geholt und ihm am nächsten Tag in Ulm drüben wieder verkauft haben. 

Seitz: Über die Brücke bei dem Altmaterialhändler, der in der ehemaligen Ulanen- / Zeughauskaserne war, da haben die Neu-Ulmer Buben ihren Guss und ihr Altmetall über die Brücke gefahren. Am Café Schick hinten durch den Bogen; das war eine sehr begehrte Stelle zum Abliefern von Altpapier und Altmetall, weil es damals noch kein Taschengeld gab und man sich selber die Kasse aufbessern konnte, indem man eben Schrott und sonstige Dinge aus den Ruinen oder sonst wo geholt hat. Wenn die Stadt ein altes Gussrohr ausgewechselt hat und es hingestellt hat, dann war das innerhalb kürzester Zeit weg. Irgendeiner von den Jungen hat es dann rüber nach Ulm geschleift und es zu Geld gemacht. 

Publikum: Es war auch ein Alteisenhändler hier in der Wilhelmstraße.

Seitz: Was jetzt vielleicht auch interessant ist, sind die Jahre, in denen es dann leicht aufwärts ging, in denen die Menschen wieder eine Perspektive hatten. Zwar bescheiden, aber man hatte sein Auskommen. Was in diesen Jahren für eine Lebenslust in dieser Stadt entstanden ist! Wie dankbar die Leute waren, dass sie noch einmal davongekommen sind! Man war trotz bescheidener Verhältnisse einfach unglaublich glücklich, dass man sich gegenseitig hatte und dass es eine Chance gab, weiter zu machen. Kleinigkeiten haben große Freude gemacht. Ich glaube der Herr Weimar hat zu dem Thema auch noch einen Beitrag.

Weimar: Die Stadt Neu-Ulm war eine bürgerliche Stadt. Handel und Handwerk waren entscheidend in der Stadt. An jedem Eck hat es einen Handwerker gegeben, ein Lebensmittelgeschäft, einen Metzger, einen Bäcker und so weiter. Es gab in Neu-Ulm auch zwei Gesangsvereine, die gesellschaftlich orientiert waren. Da gab es die Sängergesellschaft, da war der Mittelstand drin. Immer am Donnerstag war Singstunde. Da kann ich mich noch gut entsinnen, als ich mal meinen Vater fragte: „Papa, gehst du deswegen in die Singstunde, damit du auch nachher bei den Soldaten singen kannst?“ Dann gab es die Sänger im „Frohsinn“. Ich weiß nicht, ob es die heute noch gibt. Das war dann mehr für die Arbeiterschicht. Dann kommt noch etwas ganz Wichtiges, was wir bisher ausgelassen haben: Das waren die Juden in der Stadt. Mit ihrem Judenkreuz, das sie tragen mussten. Wenn sie einen Laden hatten, mussten sie ja das Judenkreuz sichtbar im Schaufenster haben. So ist man damals mit den Juden umgegangen. Die mussten eine Armbinde tragen mit dem Stern. Und dazu habe ich noch eine Geschichte, die ich noch gut in Erinnerung habe: In der Blumenstraße gab es einen Josef Stern, der war früher bei der Meiser Hutfabrik in der Buchhaltung. Den hat man dort rausgeworfen und auf welchen Wegen auch immer, kam der dann nach Neu-Ulm in die Blumenstraße, genau gegenüber, wo jetzt das Café d‘Art ist. Da hat er im zweiten Stock gewohnt. Mein Vater hat ihn kennengelernt und hat ihn, ohne jemanden zu fragen, mit in die Gärtnerei genommen, damit er ein bisschen Beschäftigung hat und auch ein wenig Geld verdienen kann. Ich höre meinen Vater heute noch sagen: „Herr Stern, hauen sie ab! Die holen Sie!“ Er meinte darauf: „Das wird schon nicht so schlimm werden.“ Ein paar Tage später war der Herr Stern weg. Da gab es auch die Ofenhandlung Bissinger, da ist heute hinten ein Hotel und vorne ein Geschäft. Die Bissinger-Familie war auch in der gleichen Nacht weg. 

Seitz: Die sind im ersten Transport nach Augsburg gefahren worden. Das Haus der Familie war das Haus Nr. 24, glaube ich.

Weimar: Ja, auf der anderen Straßenseite waren die geraden Zahlen.

Seitz: So ist es! Das Haus, in dem meine Eltern als „Kinderreiche“ eine Wohnung zugewiesen bekamen. Das ist auch der Grund, warum ich für die Stolpersteine für die Familie Bissinger gestiftet habe, weil dort meine Großeltern über das Arbeitsamt und das Finanzamt hinkamen. Die haben diese geräumten Wohnungen betreut und meine Großeltern dort eingewiesen. Herr Stern und die Bissingers waren der erste Transport, der von Neu-Ulm abging. 

Publikum: Sie haben vorher Löwenstein erwähnt: Den haben sie auch abgeholt und der kam später wieder zurück und hat nie ein Wort darüber verloren, wo er war. Den haben sie offensichtlich bedroht.

Seitz: Einer aus der Bissinger-Familie hatte eine arische Frau und deswegen ist der nicht mit diesem Transport abgeholt worden. Die Frau hat sich geweigert, sich scheiden zu lassen, und das hat dem Mann das Leben gerettet. Der war auch gleich zu Beginn zwei Monate weg. Es hat sich dann erst sehr spät rausgestellt, wo der war. Der war in Dachau. Der hat auch nie eine Silbe darüber verloren, wo er war und was da war. Es war ganz offensichtlich klar, wenn es da ein Gespräch gibt und das irgendwo rumgeht, dann sind die Leute weg und kommen nie mehr zurück. Der Bissinger, der da in Dachau war, ist 1944 noch nach Theresienstadt transportiert worden und ist dort aber befreit worden und zurückgekommen. Er hat aber auch später zur der Zeit über die Dinge nicht gesprochen. Meine Mutter hat diesen Herr Bissinger noch gekannt, weil er in der Hindenburgstraße unterm Dach gewohnt hat. Das war ein gebildeter Mann, er hat nichts verlauten lassen und ist immer ganz still im Haus umhergeschlichen und hat Kontakte vermieden. Meine Mutter ist auf der Straße von wildfremden Parteigenossen gefragt worden, was der Herr Bissinger mache? „Schwätzt der mit dir was?“ Die haben die Nachbarschaft, die im Haus gewohnt hat, ausgehorcht. Das war schon ein extremes, bis ins Kleinste repressive System, in dem man als einzelner Mensch keine Chance hatte. Die Kombination, die macht es dann aus. In diesem Elend gefangen zu sein, das Risiko immer größer für einen selber und die Familie und keiner hatte die Freiheit sich in irgendeiner Form offen äußern zu können. Insofern ist das Thema Befreiung auch zwiespältig. Aber es war eine. Man sieht, wie das System bis zum Zusammenbruch war. Was in Neu-Ulm gelitten worden ist und was auch hier passiert ist. Gefallene, Schwerverletzte, Kriegstote, Bombenopfer, also das ganze Thema ist wirklich an keinem in Neu-Ulm spurlos vorbei gegangen. 

Weimar: Ich habe noch folgende Geschichte im Kopf. Ich weiß nicht mehr in welchem Zusammenhang es war, aber es war auch im Dritten Reich. Da hat einmal jemand aus dem Freundeskreis meines Vaters zu einem anderen gesagt: „Halt deine Gosch, sonst kommst du nach Dachau.“

Publikum: Und keiner hat gewusst, was Dachau war.

Weimar: Na ja, aber dass das kein Erholungsort war, das hat man gewusst.

Publikum: Ja das hat man gewusst, aber was es war, das hat keiner gewusst. 

Publikum: Also als man zu meinem Opa gesagt hat, du kommst nach Dachau, da hat der genau gewusst, was da los war. 

Seitz: Also Neu-Ulms dunkelste Stunde waren ganz sicher diese Märztage. Von da an war das Thema der Besetzung Neu-Ulms gar nicht mehr so tragisch, weil die Amerikaner das relativ clever gemacht haben. Sie sind nicht ins Zentrum vorgedrungen, sondern haben die Stadt mehr oder weniger umgangen und haben dann quasi von hinten her den Sack zugemacht, damit sich niemand mehr absetzen konnte. Es hat auch keine schwereren Gefechte mehr gegeben. Es gab zwar noch so etwa 20 Tote in diesen Tagen, in der Kasernenstraße ist jemand ums Leben gekommen und zwischen Offenhausen und Neu-Ulm, da waren Schrebergärten, so bei der Villa Schäfer, dem heutigen Landratsamt, da hätte sich der Volkssturm noch einmal sammeln sollen, um noch eine große Verteidigung zu veranstalten. Die sind aber alle stiften gegangen, da ist nichts passiert. Es sind noch ein paar ganz junge Leute in Neu-Ulm gestorben, weil sie die Stadt noch verteidigen wollten. Aber wer das geleitet hat und was da passiert ist, dazu gibt es leider nicht viel aufschlussreiches Material. Das wäre, wenn da jemand was weiß, für das Stadtarchiv sicher hilfreich, wenn man über diese letzten Tage und die Tage der Besetzung noch einiges erfahren würde. Von Pfuhl weiß man ein bisschen was, aber von der Innenstadt selber ist so gut wie nichts bekannt. 

Weimar: Schon kurz nach dem Krieg haben sich Leute gefunden, die sich darum gekümmert haben, dass wieder alles eine gewisse Linie bekommt, zum Beispiel war der zweite Bürgermeister Julius Rohm maßgeblich am Wiederaufbau der Stadt beteiligt. Auch der damalige Oberbürgermeister, der auch noch bei den Nazis der OB war, da muss man ganz objektiv sagen, der war sicherlich in der Partei, sonst hätte er ja nicht OB sein können. Aber der war sehr ausgewogen und ich habe ihn auch persönlich kennengelernt. Der war sehr menschlich und hat sich auch um die Juden gekümmert. Da, wo er was tun konnte, hat er geschaut, dass es auch klappte. Da hat sich einiges getan in der Stadt. Auch der Wittmann als Kommunist hat sich gegenüber der Bevölkerung absolut loyal und anständig benommen. Auch den habe ich noch kennengelernt. So habe ich es in Erinnerung. Aber den haben dann die Amerikaner abgesetzt. 

Publikum: Ich hätte noch eine Frage zur Ludwigstraße, da wo diese gelben Häuser stehen, auf die man von hier schaut. Das sind ja Häuser, die man auch für Flüchtlinge gebaut hat?

Weimar: Das war früher die Friedenskaserne. Die hat man dann nach dem Krieg aufgebaut.

Publikum: Die müssen so 1951 gebaut worden sein.

Seitz: In den frühen 50er Jahren im Zuge des Erbbaurechts. Das große Grundstück war Eigentum des Freistaats Bayern, weil das Militärgelände schon zu königlich-bayerischen Zeiten Militärgelände gewesen war. Da haben dann verschiedene, gemeinnützige Wohnungsbaugenossenschaften das mit Mietwohnungen bebaut; auch für Ausgebombte. Der Bedarf war ja riesig groß. Am Anfang gab es ein Zuzugsverbot, weil es keinerlei Wohnungen mehr gab. Man muss sich vorstellen, die Stadt war ja entvölkert und die Leute wollten eigentlich zurück in ihre Stadt! Dann hat man hier sehr viele dieser Wohnungen gebaut. In den 50er Jahren war Neu-Ulm sogar einmal Sieger im Wiederaufbau gemessen an der Baumasse, die entstanden ist. Da hat sich ein gewaltiger Wiederaufbau getan. 

Ramscheid: Es ist auch ganz interessant: Wir waren mal im Keller dieses Gebäudes hier, das auch aus der gleichen Zeit stammt, also vom Anfang der 50er Jahre. Da gab es einen Wanddurchbruch und man sieht an der Abbruchkante, dass die Wände aus altem Schutt zusammengepresster Steine gebaut sind. 

Weimar: Die sind von der Kaserne. Das, was sich hier abgespielt hat nach dem Krieg, das hat sich dann viele Jahre später noch einmal abgespielt, und zwar als die Amerikaner gingen. Da war auch die Frage, was getan werden muss. Ich erinnere mich, dass der Oberbürgermeister Biebl in der Ältestenratssitzung gefragt hat: „Was machen wir jetzt mit dem Areal von den Amerikanern?“ Dann haben zwei des Ältestenrats, einer von der SPD und einer von der CSU, aus einem Mund heraus gesagt: „Alles übernehmen!“ Da war der Biebl zunächst geschockt. Aber es war richtig. Alles was die Amerikaner hatten, hat die Stadt Neu-Ulm übernommen. Man muss fairerweise dazu sagen, unter der maßgeblichen Unterstützung von Theo Waigel, der damals Wahlkreisabgeordneter war. Der war damals Finanzminister, so dass man hier eine Finanzierung hinbekommen hat. In meinen Augen war das ein Glücksfall. Damals kamen die Flüchtlinge aus Russland. So konnte man alle in dieser Siedlung unterbringen. Das war absolut ein Glücksfall. Man sieht in allen Zeiten gibt es immer mal wieder Fälle, in denen sich was tut. 

Seitz: Manche Entwicklungen wiederholen sich, Gott sei Dank unter anderen Vorzeichen, immer wieder. Deswegen ist so eine Zeitreise, die wir jetzt miteinander unternommen haben, so interessant. Sie zeigt doch auch, wie sich die Dinge wiederholen und wie der Mensch unglaublich strebsam ist und gewillt, sich aus schlechten Situationen zu befreien. Wenn man diesen Wiederaufbau und das Wirtschaftswunder Revue passieren lässt, dann ist das wie „Phönix aus der Asche“. Wenn man 1945/46 inmitten der Trümmerlandschaft Menschen gesagt hätte, wie es 1970 in Neu-Ulm wohl aussieht, das hätte kein Mensch geglaubt. Diese Kraft, die in diesen Städten liegt, die auch in der Geschichte liegt, als Anhaltspunkt, dass sich der Mensch zu helfen weiß und den Mut nicht sinken lassen soll, das können wir auch heute aus diesem Erzählcafé mit nach Hause nehmen. 

Publikum: Man ist mehr belastbar, als man glaubt.

Seitz: Ja und belastbarer als man glaubt, das kommt auch dazu. Dass der Mensch eigentlich stark ist und seinen Mann und seine Frau stehen kann, um die Situationen, die an ihn heran getragen werden zu meistern, das ist die positive Bilanz, die man aus diesem heutigen Abend ziehen kann. Ich bedanke mich für Ihr Kommen und dass Sie mich haben reden lassen. Herr Weimar?

Weimar: Einen Satz will ich schon noch sagen. Wir dürfen nicht vergessen, wie die Armen und Elenden gelebt haben! Wir haben die obere Schicht gesehen, aber im Hintergrund gab es viele arme, ältere Leute, die mit Mühe und Not über die Runden kamen. Die gab es schon in dieser Zeit auch und die gibt es auch heute noch.